Auch das zweite Paper ist aus den USA und ich habe es gewählt, weil ich den Titel spannend fand: “Grillz on a hijabi”: Intersectional Identities in Fostering Critical AI Literacy. Like, was sind Grillz? Was ist ein Hijabi?
Das Paper ist eine Perle, hier wurde mit 5 jungen, schwarzen, muslimischen Mädchen in 3 Tagen ein Workshop durchgeführt und das Paper gibt der Lebenwelt dieser Mädels so viel Raum. Wir sehen ihre Ideen, ihre Sicht der Welt, die von Religion und Trends geprägt ist. Grillz sind farbige Zahneinsätze, Hijabi ist ein Kopftuch. Hätte ich je erwartet, aus einem wissenschaftlichen Paper zu lernen, was diese Begriffe bedeuten? Nein, definitiv nicht. Ich liebe es. Fruitcore als Konzept ist wild, like, actually wild. Muslim Goth ist auch etwas, woran ich nie gedacht habe.
Das Schlaue an dem Ansatz ist, die Jugendliche in ihrer Welt abzufangen, und in der Interaktion mit KI dann aufzuzeigen, wie Bias funktioniert und wie es die Sicht auf die Dinge verändert. ICh habe ja letztens was über Bias geschrieben, aber das ist eine fantastische Möglichkeit, sich den Grenzen und dem Machtverhältnis klar zu werden.
Beim Nachdenken ist mir auch aufgefallen, dass die Frage nach dem “So what” eigentlich direkt auf die Motivation des Papers abzielt. Zufälligerweise haben beide Paper eine ähnliche Motivation: Die Stimmen unterrepräsentierter Gruppen verstärken, sei es Non-STEM Studis oder Mädchen in einem intersektionalem Umfeld. Es geht also darum, unsere Wissenswelt vielfältiger und reicher zu machen. Das funktioniert auch mit einer kleinen Stichprobe. Bei dem Paper ist der Innovationsgehalt soweit ich verstehe in der offenen Gestaltung des Ansatzes, so dass die Mädels wirklich aus ihrer Lebenswelt heraus Erkenntnisse sammeln, wie z.B. dass KI sehr westliche Defaults hat und muslimische Realitäten eher unterrepräsentiert sind.
Paper lesen ist tatsächlich eine gute Alternative zu Youtube schauen, v.a. allem weil mir mein Feed irgendwie auch nur noch Musik vorschlägt und ich nicht mehr so viele interessante Dinge finde. Es ist ja bisschen das Problem, dass sich die Inhalte irgendwann wiederholen und es keine so wirkliche Steigerung gibt. Bei dem Paper heute wurde auch nicht so viel gelabert im Related Work und es ist auch mit 9 Seiten eher kurz. Die Autoren hatten ihren Punkt, haben ihn schön dargestellt und sind damit raus. Die Fashion-Kreationen der Teilnehmenden und ihre Stile sind der absolute Kern, und dafür muss man kaum was lesen, ist eigentlich auch voll für ein Youtube-Video geeignet.
Es geht aber auch viel um das Lesen, die Menschen geben sich Mühe, einen Text zu schreiben und ich muss nichts anderes machen, als mich entspannt durch den Text zu lesen.